Als er das Café betrat, war es Punkt acht. Früher war hier der hintere Teil einer Gießerei gewesen, in der schon sein Vater und dessen Vater gearbeitet hatten. Seitdem hatte sich vieles versucht, und nichts war geblieben. Das Café hatte erst vor wenigen Tagen eröffnet. Der nächste Versuch also.

Schon beim Eintreten schlug ihm der Duft von frischem Kaffee, heißer Milch und gebackenen Croissants entgegen. An den Hochtischen standen junge Männer in schlecht sitzenden Anzügen, vermutlich Anwälte oder Bankangestellte. Im hinteren Teil des alten Gebäudes gruppierten sich schwere braune Ledersofas, Hocker aus allerlei Materialien und kleine Metalltische, an denen Schüler und Studenten arbeiteten, redeten oder schweigend auf ihre Bildschirme sahen. Eine Frau um die fünfzig las Zeitung. Sie schien als Einzige überhaupt zu bemerken, dass er hereingekommen war.

Er trat an den Tresen und studierte die mit weißer Kreide auf die große schwarze Schiefertafel geschriebenen Kaffeespezialitäten. Flat White, Cold Brew, Affogato. Grande, Venti. Wörter, die etwas Besonderes versprachen und ihm doch nur fremd vorkamen. Er wollte nichts Besonderes. Nur eine kleine Tasse Kaffee, schwarz, ohne Zucker. Ganz einfach. Eigentlich.

Die junge Bedienung hinter dem Tresen lächelte ihn an, offen und freundlich, ohne jede Anstrengung.

„Guten Morgen, was kann ich für dich tun?“

Für einen Moment hob sich sein Mundwinkel, dann sank er wieder.
„Wir kennen uns doch gar nicht“, sagte er.

Nicht scharf, nicht empört. Eher so, als höre er den Satz noch einmal mit ihren Ohren und könne ihn selbst kaum glauben.

„Wie meinst du das?“, fragte sie und blieb freundlich.

„Warum duzen Sie mich?“ Er machte eine kleine Pause. „Sie könnten meine Tochter sein. Fast meine Enkelin.“

Nun wirkte sie irritiert. Vielleicht war sie sechzehn oder siebzehn, schwer zu sagen. Mit seinen achtundfünfzig Jahren lag jedenfalls eine ganze Welt zwischen ihnen.

„Wir duzen hier alle“, sagte sie.

„Ich bin aber nicht alle“, antwortete er.

Kaum hatte er es ausgesprochen, bereute er den Satz. Er klang härter, als er gemeint war, zugeknöpft und gekränkt, als hätte sie ihn auf einer wunden Stelle getroffen, von der er selbst nichts gewusst hatte.

Warum eigentlich?

Er dachte an seinen Vater. Daran, wie der, bevor er jemandem das Du anbot, immer einen kurzen Augenblick innehielt. Fast feierlich war das gewesen, als reiche man nicht bloß ein Wort hinüber, sondern Vertrauen. Etwas, das man sich verdiente und nicht einfach verteilte wie Rabattmarken oder Papierservietten.

Glaubte sie wirklich, das Du schaffe Nähe? Als ließe sich Vertrautheit abkürzen. Worin sollte diese Nähe bestehen? War sie ihm näher geworden — oder er ihr? Würde sie auch ihre Hausärztin duzen? Ihren Bankberater? Den Mann, der ihr einmal die Kündigung aushändigen würde?

Die junge Frau richtete sich ein wenig auf.

„Ich wollte nur freundlich sein und Sie“ — jetzt betonte sie das Wort leicht — „nach Ihren Wünschen fragen. Ich wollte Sie nicht verärgern. Aber wir duzen hier wirklich alle.“

Sie blieb höflich, doch etwas in ihrem Gesicht hatte sich geschlossen.

„Schon gut“, sagte er. „Ich hätte gern eine Tasse Kaffee. Schwarz. Und ein Stück Zitronenkuchen.“

Während er bestellte, spürte er, dass er an Größe verlor. Ein einziges freundliches Du hatte genügt, und seine Verärgerung hatte den Rest besorgt. Am Nachbartisch schienen die jungen Leute etwas mitbekommen zu haben. Sie sahen demonstrativ weg, lächelten jedoch in ihre Tassen und steckten die Köpfe zusammen. Vielleicht bildete er sich das nur ein. Vielleicht auch nicht. Jedenfalls fühlte er sich bloßgestellt. Unverstanden. In die Enge getrieben von einer, die freundlich hatte sein wollen und eben darin unfreundlich geworden war.

Die Kellnerin sprach inzwischen mit ihrer Kollegin. Er war sicher, dass es um ihn ging: um den wunderlichen Mann aus einer anderen Zeit. Er nahm einen Bissen vom Zitronenkuchen, der frisch und gut war, und schmeckte nichts.

Nach ihrer Schicht nahm die junge Bedienung einen Umweg nach Hause. Der Tag hatte an ihr gezogen, und sie wollte nicht gleich in den Bus steigen, unter Leute, unter Geräusche. Sie ging durch den Arkadenbau im Zentrum, an dem Springbrunnen mit dem hellgrünen Becken vorbei, und setzte sich am Ende des Gangs auf eine der weißen Bänke, die um diese Uhrzeit fast leer waren.

Über ihr zogen sich die Gemälde der Belle Époque entlang: Parkanlagen, breite Wege, Damen mit Hüten, Herren in Frack und Zylinder. Menschen, die einander mit Abstand begegneten und gerade darin Würde zu bewahren schienen.

Ihr Blick blieb an einem Bild hängen, dessen Farben an manchen Stellen schon verblichen waren. Ein älterer Herr stand vor einer jungen Frau. Er hielt seine Kopfbedeckung hinter dem Rücken, beugte sich leicht vor und küsste dem Mädchen die Hand. Vielleicht war sie sechzehn. Vielleicht auch älter. In seiner Haltung lag nichts Unterwürfiges und nichts Zudringliches, nur Aufmerksamkeit, Form, Achtung. Das Mädchen lächelte höflich, ein wenig ernst, doch ohne Scheu.

Sie sah lange hin.

Als sie schließlich aufstand und zum Tor ging, stand dort wie jeden Abend der alte Pförtner, der den Arkadenbau aufschloss und wieder verschloss. Als sie an ihm vorbeikam, zog er mit einer kleinen, selbstverständlichen Bewegung die Mütze.

„Ich wünsche der Dame einen schönen Abend.“

Sie nickte ihm zu.
„Danke. Ihnen auch.“

Nach einigen Schritten lächelte sie.

Nicht über ihn.
Auch nicht über den Mann im Café.
Eher über den Gedanken, dass zwischen Kälte und Vertraulichkeit vielleicht noch etwas Drittes lag. Etwas Altmodisches womöglich. Etwas, das weder Distanz abschaffte noch Respekt. Etwas, das man nicht mehr lernte und doch sofort verstand, wenn es einem begegnete.